Eine alte Legende, die wohl schon viele Großmütter in der Fränkischen Schweiz Ihren Enkeln an langen, dunklen Winterabenden erzählt haben, berichtet uns:

„Einst im dunklen Mittelalter lebte im Herzen der Fränkischen Schweiz, hoch über dem Tal der Wiesent, ein alter Ritter. Der hatte zwei Söhne, die bereits von Kindertagen an stets untereinander zerstritten waren.
Als nun der Ritter gestorben war, hinterließ er seinen beiden Söhnen sein Reich, das er unter ihnen in zwei Hälften aufteilte. So kam es, dass der erste Sohn die Burg Streitberg auf der einen Seite des Wiesent-Flusses errichtete und sein neidischer Bruder gleich gegenüber die Burg Neideck. So hatten sich die Brüder stets im Visier. Es folgten Jahrzehnte brüderlicher Streitigkeiten im Tal der Wiesent.
Bis zum heutigen Tage warnen uns die Ruinen beider Burgen vor Streit und Unnachgiebigkeit...“

HINTERINDIEN.DE führt Sie im Mai 2003 an die „Demarkationslinie“ im Wiesent-Tal. Wir haben nachgeforscht und die Burgen gegenüber gestellt: Was ist wirklich dran an diesen Grenz- und Besitzstreitigkeiten der verfeindeten Rittergeschlechter?

Zunächst einmal berichten historische Urkunden von einem Walter (I.) de Stritberc um 1120 auf Burg Streitberg und einem Ministerialengeschlecht de Nidecche um 1219 auf Burg Neideck, die selbst jedoch erst um 1312 in alten Urkunden erscheint. Anders als in der Legende wechseln jedoch die Besitzrechte der beiden Burgen in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten ständig. So tritt bei beiden Burgen das Bistum Bamberg zeitweise als (Teil-)Besitzer auf. Zugleich hatten jedoch zeitweise auch die Ritter von Neideck (das Geschlecht von Schlüsselberg), die Bischöfe von Bamberg, das Bistum Würzburg und im 15. Jahrhundert sogar das Kloster Saalfeld in Thüringen Besitz- und Lehensrechte an der Burg Streitberg.

Eine strategisch wichtige Bedeutung kommt den beiden Burgen durch die Überwachung der wichtigen Geleitstraße von Erlangen-Baiersdorf nach Bayreuth-Kulmbach zu. Diese wichtige Verkehrsader, die das markgräfliche Ober- und Unterland miteinander verband, führte nur 50 Meter unterhalb der Mauern der Burg Streitberg vorbei. Natürlich entstand hieraus bei den Markgrafen von Kulmbach-Bayreuth das Interesse, die Festung in Besitz zu nehmen.

Ein entscheidender Vorteil zur Verwirklung der markgraflichen Interessen war die Tatsache, dass die Ritter von Streitberg untereinander tief zerstritten waren. Auf keiner anderen fränkischen Burg wurden so viele Familienfehden ausgetragen wie auf Streitberg. Trotz mehrerer Burgfrieden, die namhafte Vermittler von außen, wie zum Beispiel Graf Günther von Schwarzburg aus Thüringen, stifteten, flackerten die Fehden immer wieder neu auf. Und wo sich zwei streiten, freut sich bekanntlich der Dritte.

Diese Rolle nahm der Markgraf von Bayreuth dankbar ein. Nach einer Welle von wechselnden Besitzverhältnissen, Rachezügen und Vertreibungen auf Burg Streitberg, gelangte die Festung schließlich durch einen Anteils-Scheinverkauf Georgs III. am 15.11.1508 in die Hände des Markgrafen. Die übrigen Mitbesitzer des streitberger Rittergeschlechts sowie der Abt von Saalfeld wurden mit Geld abgefunden.

Die Burg Neideck als Bollwerk
des Bamberger Bischofs

Blicken wir nun auf die gegenüberliegende Burg Neideck. Ihr Name leitet sich nicht – wie vorschnell angenommen – von Neid und Missgunst ab, sondern vielmehr vom „niederen Eck“. Einige hundert Meter über der Burgruine sind am abfallenden Bergkamm weitere kleinere Wehranlagen vorhanden, die vormals das „obere Eck“ bildeten.

Neideck gelangte im Jahr 1275 in Teilbesitz Ulrichs V. von Schlüsselberg. 1312 erhob Konrad von Schlüsselberg die Burg zu seinem Hauptsitz. Nach dessen Tod ging Neideck sowie acht dazugehörige Ortschaften in das Eigentum des Hochstifts Bamberg über, das ein Amt mit Hochgericht schuf.

...und mittendrin die Wiesent

Nun entstand tatsächlich eine Ausgangslage, die dem Inhalt der Legende ein ganzes Stück näher kommt: Nun standen sich in den beiden Burgen beiderseits des Wiesent-Tals die Markgrafschaft Bayreuth und das Bistum Bamberg direkt gegenüber. In die folgenden Streitigkeiten zwischen den beiden Kontrahenten wurden sogar Kaiser und Papst mit hineingezogen. „Zwei Welten“ standen sich nun an der Wiesent Aug in Aug gegenüber, ähnlich wie wir es aus dem 20. Jahrhundert aus der Mitte Deutschlands her kennen. (Werfen Sie hierzu einen Blick auf unser Thema „Little Berlin“.)

Erst im Jahre 1538 fanden die Streitigkeiten um Streitberg und Neideck ihr Ende, als der Markgraf von Bayreuth den Bamberger Bischof mit der Ortschaft Küps im Landkreis Kronach entschädigte. Bischof Weigand übergab dem Markgrafen seinerseits offiziell den Sitz Streitberg mit dem Hochgerichtssprengel mit den acht dazu gehörigen Orten, allen untertänigen Bauern sowie das Patronatsrecht zu Muggendorf.

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